Montag, 29. Februar 2016

Veleon: technisch hui, praktisch pfui [updated]

"ACAB" - das ist mein Motto. Denn natürlich bedeutet das: "All Cargobikes Are Beautiful". Aber manchmal stoße ich trotz dieses Leitgedankens an Grenzen. Nicht nur, wenn es um billige Transporträder wie zum Beispiel die Babboes geht - zu denen ich mittlerweile einfach immer sage: "Man kann Glück haben".

Auch wenn die Qualität stimmt, ist es nicht zwingend ein geeignetes Transportrad. Im Falle des Veleons, dass ich erstmalig im Frühjahr 2013 durch Berlin fahren konnte, musste ich das jetzt leider feststellen.


Damals war das Veleon noch brandneu, so neu, dass mein Testrad noch gar keine Transportbox montiert hatte. Es gab die Box zwar schon, aber die Befestigung war noch nicht fertig und man befürchtete, die Box könne mir bei meiner Berlin-Rundfahrt abfallen.

Anfangs war das Veleon für ein Kind gedacht. In der Box gab es eine Isofix-Halterung, auf der man einen Autokindersitz der Wahl anbringen konnte. Und in dieser Form könnte ich mir das Veleon sogar gut vorstellen - gutes Wetter vorausgesetzt, denn eine Regenhaube gab es zu Beginn ebenfalls noch nicht.

Für die Fahreigenschaften konnte ich mich durchaus begeistern, nicht zuletzt bei der Vollbremsung auf Glatteis, die man auch im Video sieht.

Wenig später trat aber das Butchers & Bicycles auf den Plan, und damit hatte man im Hause Veleon offenbar nicht gerechnet. Rein optisch kam es weniger filigran, dafür aber sehr viel aufgeräumter daher und bot von Anfang an eine große Box, die auf Wunsch auch zwei Kindern einen Sitzplatz bot. Ein drittes Kind konnte man notfalls auch immer noch in der Kiste kauernd mitnehmen.

Ich kann nur mutmaßen, was dann geschah, aber offenbar hat irgendwer in Berlin entschieden, dass auch das Veleon zwei Kinder transportieren müsse. Auf dem Bakfietstreffen 2014 sah ich das Rad erstmals wieder, mit einer Sitzbank statt Isofix-montiertem Kindersitz.

Mittlerweile hat das Veleon eine Windschutzscheibe. Das hätte eigentlich eine ganz gute Idee sein können.

In Nijmegen hatte das Veleon allerdings nur einen Fahrgast, und die junge Dame saß mittig. Damit wurde noch nicht so offensichtlich, was für mich am stärksten gegen einen Einsatz des Dreirads im Kindertransport spricht:

Die Hände der kleinen Fahrgäste sind viel zu nah an den Speichen.

Eine entspannte Ausfahrt ist unmöglich, wenn man ständig die Hände des Kleinen im Blick haben muss.

Das allein ist schon ein Totschlagargument. Klar, man könnte - zusätzlich zur Windschutzscheibe - das Regenverdeck überwerfen und so verhindern, dass die Kleinen sich verletzen. Aber will man immer - auch im Sommer - unter der Haube fahren?

Und mal angenommen, man nimmt das Dauerverdeck in Kauf: wirklich genug Platz haben zwei Kinder darunter auch nicht.

Der eine Arm hängt in bester Manta-Fahrer-Manier raus, den jeweils anderen Arm müssen sich Milan und Levi irgendwie übereinander stapeln.

Zwar haben meine Söhne auf dem Foto dicke Schneeanzüge an. Aber hey: der eine ist vier, der andere zwei - bestes Fahrgastalter also. Da darf man etwas mehr Platz erwarten - nirgendwo sonst ist es so eng. Den sechsjährigen hatte ich gar nicht mitgebracht, er hätte wohl vermutlich nicht im Veleon Platz nehmen können.

Und wenn zwei Kinder sich auf die Bank gezwängt haben, ist es im Veleon auch wirklich voll. Im Fußraum fehlt nämlich auch noch Platz, der zum Einklappen der vorderen Rolle der Box gebraucht wird. Will man also noch einen Einkauf mitnehmen, muss man die Tüten den Kindern auf die Füße stellen - und das geht nicht gut, es sei denn, man kauft sehr harte und robuste Waren ... :D

Darüber hinaus ist erschreckend, was die Box macht, wenn man mal am Veleon wackelt - beziehungsweise wie sie während der Fahrt auf Lastwechsel reagiert. Denn die Box ist nicht etwa steif, sondern ziemlich schwabbelig.

Ein von Jan Steinberg (@bakfietsblog.de) gepostetes Video am

Das ganze wird durch die mit Federn abgestützte und in sich ebenfalls sehr biegsame Windschutzscheibe nur noch verstärkt - das überrascht mich wirklich, denn wenn man dem Veleon eins nicht vorwerfen kann, dann sind das eigentlich technische Mängel. Es scheitert eher konzeptionell.

Beim Veleon kann man den Neigungsgrad verstellen oder gar ganz feststellen. Zudem ist die Radaufhängung vorn gefedert, was sich mit einem anderen Hebel rechts am Lenker schalten lässt. Das ist technisch ziemlich ausgefuchst und hochwertig.

Dann aber kommen einem die Kabel zwischen Lenker und Federung in die Quere, wenn man versucht, den Hebel für das Stützrad vorne zu bedienen. Und generell: die ganze Technik könnte einen Alltagsradler durchaus verschrecken - der Lenker ist vollgepackt: links Drehgriff für Neigung, Bremse, in der Mitte die Lampe am Lenker, dann der Hebel für die Federung, wieder Bremse, Kettenschaltung. Da ist kaum noch Platz übrig.

Und auch die Fahreigenschaften mit Gewicht würde ich nicht mehr ganz so positiv bewerten, wie damals auf der "Leerfahrt" in Berlin. Ein paar Mal hatte ich eher das Gefühl, das Veleon bestimmt die Richtung und nicht ich. Insbesondere der sofortige Abbruch einer Kurve ist nicht ganz so leicht, wenn sich das Rad erst mal in eine Richtung geneigt hat. Könnte bei plötzlichen Hindernissen durchaus gefährlich werden.

Da mache ich mir Sorgen um die Finger.

Schließen wir also wie folgt: das Veleon ist wirklich einzigartig, man kann sich zum Beispiel Huskies davor schnallen und es als Sommer-Schlitten verwenden, oder aber als Golf-Cart oder Fahrzeug für die Abfallbetriebe, wie es mittlerweile auch vermarktet wird. Aber Kinder darin transportieren? Lieber nicht.

Kleiner Nachtrag

Im September 2016 haben mich Veleon noch mal auf diesen Artikel angesprochen. Da Sie sich bei ihrem Rad um viele Dinge rund um das Thema Sicherheit Gedanken gemacht haben, gefällt ihnen meine Darstellung - wie ihr ja schon im Kommentar lesen konntet - natürlich nicht so gut.

Sie weisen darauf hin, dass man IMMER mit Seitenwänden fahren muss.

Das Veleon mit montiertem Verdeck mit Seitenwänden © Veleon

Das Veleon ist und bleibt ein innovatives und technisch ausgefuchstes Fahrrad, deshalb finde ich es fair, diesen Hinweis hier noch mal prominent zu übernehmen.

Für mich bleiben allerdings auch so Fragen: müsste nicht der Hersteller eine Fehlbenutzung von Vornherein ausschließen? Und: lest ihr die Bedienungsanleitungen eurer Fahrräder?