Montag, 16. September 2019

Die 24 Stunden von Münster

Um kurz nach vier Uhr morgens erreicht mich die Nachricht von Rainer. Ich bin gerade wach, weil mein jüngster Sohn sich unruhig im Bett hin und her gewälzt hat und ich einen Blick auf die Uhr, will sagen das Handydisplay gewagt habe. Noch Zeit, sich wieder hinzulegen. Aber eben auch: diese Nachricht. “24h Promenade. Team Traix Cycling. And U?!”

Die 24 Stunden von Münster - Foto von Helena

Ich hatte schon davon gehört. Die 24 Stunden von Münster sind eine Veranstaltung, bei der mehrere Teams ein Fahrrad 24 Stunden lang ununterbrochen rund um die Promenade fahren. Dazu gibt es ein Zeltlager und reichlich gute Laune. Das klang immer schon verrückt, aber auch gut. Also bin ich dabei.

Die Nachricht kam keine zwei Wochen vor dem Event. Bei einem Treffen versuche ich, meinem Team etwas Organisation aufzudrängen, eine Einteilung für zumindest die Nachtstunden zu beschließen, aber Rainer wiegelt ab: “Wir fahren da einfach hin und gucken, was ist”, meint er, und da es ja eigentlich um den Spaß gehen soll, sage ich “Na gut!”

Am Tag des Rennens ist es heiß und sonnig. Das Thermometer hat die 30° mühelos überschritten und auf der Wiese am ehemaligen Lindenhof finde ich bereits ein paar Leute, die ein Zelt aufbauen und Lichterketten an ihren Fahrrädern anbringen. Wie sich herausstellt, ist es das Team “Orange is the new Pink”, das sich hauptsächlich aus Fahrradkurieren der großen Essenszusteller zusammensetzt, daher die Farben. Zu diesem Team gehört auch Helena, die sich um die Organisation gekümmert hat - das Zeltlager bei der Stadt angemeldet, so dass wir nicht verjagt werden, und fließend Wasser und eine Toilette organisiert.

Als nächstes trifft Team Peschel ein. Eine Familie, bestehend aus Großeltern mit ihrer Tochter und Schwiegersohn und den beiden Enkelinnen. Die Familie ist zum dritten Mal bei den 24 Stunden dabei, erfahre ich, und auch die Töchter, jetzt 9 und 11 Jahre alt, fahren fleißig runden mit. Ich bin begeistert. Meine Jungs hätten sicher auch Spaß daran, denke ich.

Rainer kommt mit einem Cargo Bike Monkey auf einem Pavillon auf der Ladefläche eines Pedalpower Grizzly. Mit ihm kommt Alex mit seinem vierjährigen Sohn Lasse und Christof. Später trifft noch Luzie ein und vervollständigt unser Kern-Team, das über die nächsten 24 Stunden so einiges erleben und auch zahlreiche Gastrunden dankbar annehmen würde.

Das Traix Cycles Transportgeheimnis


Ein weiteres Team hat abgesagt, also teilt sich das Team Orange is the new Pink kurzerhand auf. Die spontane Neugründung nennt sich die “Bikonauten” und besteht aus vier Mann.

Eigentlich ist für 16:00 Uhr die erste, gemeinsame Einführungsrunde geplant, worauf es dann in den “Rennbetrieb” gehen soll, aber alles verzögert sich ein bisschen, und um 16:15 Uhr sind wir dann auf der Strecke, entgegen des Uhrzeigersinns eine Runde um die Promenade, ich habe die Soundboks im Bellabike und spiele Fahrradlieder, wie “Mein Fahrrad” von den Prinzen, “Fahrrad fahr’n” von Max Raabe und “Die Erfindung des Rades” von Moop Mama, das schnell zum Lieblingslied der Veranstaltung avanciert. Einführungsrunde absolviert, Helena ruft noch schnell in die Runde: “Passt auf euch auf! Fahrt vorsichtig und achtet die Straßenverkehrsordnung”, und los geht’s. Rainer fährt als erstes ein paar Runden, aber die Promenade ist um diese Zeit voll, nicht nur mit Radfahrenden, sondern auch mit Spaziergängern, und an allen Übergängen ist viel los, das fahren ist müßig, und heiß ist es noch dazu. Als ich auf meine erste Runde starte, habe ich schon nach wenigen hundert Metern einen Höllendurst. Aber noch haben wir keine Trinkflasche, die in die Halterung passt. Luzie kümmert sich darum und besorgt eine.

Fahrerwechsel (Symbolbild)


Obwohl es ein Rennen ist, werden die Runden nach StVO gedreht. Die Stadt würde wohl auch nie für ganze 24 Stunden für uns absperren, selbst, wenn wir 50 Teams hätten. Dazu ist das Auto zu heilig. Und die Promenade hat nur einen kreuzungsfreien Übergang, der dann für die Versorgung der gesamten Innenstadt herhalten müsste. Das traut sich niemand im Rat der Stadt.

Nach dem Start geht es direkt zur ersten Ampel über Am Stadtgraben. Je nachdem, wie viele Fußgänger sich bereits an den Furten gesammelt haben, kann man ganz gut von weitem erkennen, ob es vielleicht bald grün wird und sich der Ampel in angepasstem Tempo nähern. Danach folgt nach einem nur wenige Meter kurzen Teilstück direkt der Übergang über die Aegidiistraße, parallel zu einem Zebrastreifen wie an den meisten Stellen. Mit etwas Übersicht und Voraussicht lässt sich auch diese Stelle ohne anzuhalten fahren.

Dann kurz “bergan”. Natürlich ist Münster flach, aber die Promenade umringt die Stadt auf der ehemaligen, mittelalterlichen Befestigungsanlage, und das ist eben ein Wall, ein paar Meter hoch und runter geht es da dann doch.

Am Ende der Auffahrt geht es weiter über Königsstraße und Windhorststraße, beide wieder mit Zebrastreifen. An der Salzstraße geht es einfach so hinüber, dort ist meist wenig Querverkehr, dafür aber Kopfsteinpflaster, und dann direkt in die Unterführung unter der Mauritzstraße hindurch.

An der Hörsterstraße am Standesamt gibt es wieder eine Ampel. Auch hier kann man die Lichter schon von weitem sehen und abschätzen, ob man schnell fährt, um noch rüber zu kommen, oder lieber langsam darauf zu rollt, um die nächste Grünphase zu erwischen. Mit jeder gefahrenen Runde klappt das immer besser.

Überhaupt: es wird eine Vorfahrt für die Promenade an einigen Übergängen diskutiert. Eine Grüne Welle nach Kopenhagener Vorbild, bei der man entlang eines Leuchtenbandes fahren kann und so immer weiß, ob man auf der Grünen Welle schwimmt, könnte gleich alle Kreuzungen der Promenade einschließen und wäre viel praktischer.

Es folgen Kanalstraße und Am Kreuztor ins Kreuzviertel. Hier wieder der altbekannte Zebrastreifen, danach die Ampel über das Neutor. Hier musste ich oft warten, man sieht die Ampel erst kurz vorher, da sie hinter einer Kurve liegt, insofern ist günstiges heranfahren schwer.

Weiter über den Schlossplatz, über die erste und einzige bereits bestehende Vorfahrt der Promenade, und dann über die Hüfferstraße. Hier ist es etwas uneindeutig. Es gibt eine Ampel, die regelt aber nur zwei Fußgängerfurten. Aus der Ausfahrt des Uni-Parkplatzes kommend kann man die Kreuzung als Fahrzeug jedoch jederzeit kreuzen, wenn frei ist - und meistens findet sich eine Lücke. Und schon ist man am Ziel, und die nächste Runde beginnt, nach 4.400 Metern.

Anfangs fahren wir alle nur wenige Runden am Stück, zwei oder drei. Alex nimmt seinen Sohn Lasse auf einem Liegestuhl vorne in der Box mit, und Lasse fordert “nochmal, nochmal!”

In den Abendstunden wird es langsam kühler und angenehmer. Wir haben vier Kisten Finne Pils und Radler sowie zwei Kisten Liba Limo gesponsert bekommen und sind so gut versorgt. Doch dann zieht tatsächlich ein kleines Gewitter auf. Das Zeltlager rückt zusammen, doch alle Teams bleiben auf der Strecke.

Das Cargo Bike Monkeys bei Nacht


Das Gewitter ist nicht stark, es blitzt kaum. Ich beginne meine Runde und werfe nach der ersten Umrundung mein T-Shirt ins Trockene. Im warmen Sommerregen fahren macht Spaß. Allerdings bin ich abenteuerlich unvorbereitet - dafür, dass ausgerechnet ich im Vorfeld von Organisation geredet hatte - und habe mir nicht mal eine Radlerhose angezogen. Nun wird meine kurze Baumwollhose nass und das für den Rest der Nacht bleiben. Ihr wisst, was das heißt … Ich fahre mir einen gehörigen Wolf.

Zwischen 23:00 und 01:30 Uhr lege ich mich auf meine Schlafmatte, aber unter dem Pavillon brandet immer wieder Jubel auf, wenn eine der Fahrerinnen (Männer mitgemeint) vorbei kommt, und da eine Runde zwischen 10 und 15 Minuten dauert, und vier Teams unabhängig unterwegs sind, schlafe ich nicht wirklich.

Um halb drei beginne ich dann meine Nachtschicht, abgemacht ist erstmal bis halb fünf. Die Klamotten sind nicht wirklich getrocknet, während ich im Schlafsack döste, aber noch geht es. Rainers Lenker allerdings ist mir zu niedrig. Zum Glück hat er an den Lenkerenden “Bar Ends” montiert, so dass ich bisweilen mal umgreifen kann, aber wäre dies mein eigenes Fahrrad, müsste das alles etwas höher. Ich mache neun Runden, danach fährt Rainer los, und ich lege mich schlafen, diesmal wirklich.

Um etwa 07:00 Uhr werde ich wach und bekomme mit, dass Simon zwischenzeitlich zurück zum Team gestoßen war, sich an einer schnellen Runde versucht hat und direkt im ersten Durchlauf so schlimm gestürzt ist, dass er nicht mehr weiterfahren kann. Rainer legt sich derweil schlafen und so bleiben nur Christof und ich. Wir wechseln uns über die nächsten drei Stunden mit kleinen Portionen ab, ich fahre mangels trockener Klamotten in einem Lemuren-Kostüm, dass Rainer zufällig dabei hat.

Trockene Klamotten - egal was. Ich bin schließlich schon als Lemur durch Berlin gefahren.


Mir kommt der Gedanke: warum haben wir das ganze erst um 16:00 Uhr gestartet, anstatt zum Beispiel um 09:00 Uhr morgens. So hätte man, wenn die Nacht beginnt, bereits viel mehr der 24 Stunden absolviert. Jetzt müssen wir noch rund sechs Stunden fahren …

Rainer erwacht und fährt direkt wieder los. Abenteuerlich! Woher nimmt er nur diese Kraft? Die 16:00 Uhr Marke kommt langsam, aber sicher näher. Meine Frau bringt mir auf dem Weg zum Umweltfest trockene Kleidung und Nivea Creme mit, meine Rettung! Ab jetzt steige auch ich wieder in den Fahrbetrieb ein. Aber die Beine sind schwer.

Auf dem Schlossplatz ist irgendein großes Schützenfest, und zahlreiche Blaskapellen haben sich im Bereich der Königsstraße auf der Promenade aufgebaut, um durch die Stadt zu marschieren. Nicht einfach, dort hindurch zu kommen. Die Rundenzeiten werden länger.

Alex wird auf der Querung der Aegidiistraße von einem Segwayfahrer geschnitten und stürzt. Dabei verliert er meinen Strava Tracker, der eigentlich die ganze Zeit schon im Fahrrad lag und uns einen imposanten Strava Track beschert hätte. Er wird nicht wieder gefunden. Ich sperre die SIM des Handys und logge mich aus der Ferne von dem Handy aus. Es war nur ein altes Moto G, das ich gebraucht für 15 Euro gekauft hatte, aber ärgerlich ist es schon.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so müde war. Im Studium. Als ich nach dem Hurricane Festival ohne Schlaf direkt in die Berufsschule ging, oder als ich mal direkt mit dem ersten Zug aus Enschede kommend in die Mathe-Vorlesung ging. Nur schlimmer. Denn ich bin ja sehr alt, und meine Beine sind sehr schwer. Das sagte ich schon. Die Beine sind schwer.

Lichterketten Hurra - Foto vom Team Orange is the new Pink


Das Ende naht. Die Abschlussrunde, gemeinsam. Wieder mit Musik und Teamfotos. Auf den “Anstiegen” schieben mich zwei Jungs an, ich bin wieder mit dem Bellabike unterwegs und mache ungefähr einen siebener Schnitt.

Ab nach Hause. Ich mache Pizza für meine Familie, wir essen, ich bringe die Kleinen ins Bett, hoppla, aber dieses Mal schlafe ich als erster ein, um kurz nach halb neun vermutlich. Gute Nacht.

Nächstes Mal vielleicht doch wirklich etwas mehr Planung, wer des Nachts wann fährt? Aber trotzdem: Auf jeden wieder dabei. Und dann hoffentlich mit noch mehr Teams und mit Charity-Effekt: gesucht wird ein Sponsor, der pro gefahrener Runde etwas spendet.

Unser Team Traix Cycles schließt übrigens mit 112 Runden. Das ist mehr als OK.