Donnerstag, 20. Oktober 2016

Von der Unmöglichkeit, ein Lastenrad in der Bahn mitzunehmen

Travemünde - besser gesagt der Priwall - ist seit ein paar Jahren ein beliebtes und wiederkehrendes Urlaubsziel für unsere Familie geworden. Ursprünglich war einer der Hauptgründe, dass man mit dem Zug hin kommt, denn wir leben ja autofrei, doch dass wir nun bereits zum fünften Mal in rund zwei Jahren da waren, liegt sicher nicht nur daran.

Dieses Mal wollten wir ein Lastenrad mitnehmen, denn das ist eigentlich das Einzige, was uns vor Ort noch fehlte. Wir haben es aber sein gelassen, und hier lest ihr die Geschichte dazu.

Popkultur: FCKBHN

Ich hatte mal wieder versucht, ein Lastenrad zum Test zu bekommen, und weil der Rahmen des Objekts der Begierde teilbar ist, dachte ich: hey, da buche ich doch schnell noch ein Fahrrad-Ticket zu unserer Urlaubsreise hinzu, und dann wird das schon kein Problem werden.

Natürlich kam der Test nicht rechtzeitig zum Urlaub zustande, weil ich keine Lust hatte, den Hersteller täglich anzurufen und ihm auf die Füße zu treten. Es steht zu befürchten, dass man das aber machen muss. Ausnahmen, wie zum Beispiel Theo mit seinem Urban Wheelz Cargo, bestätigen die Regel.

Aber nun war das Ticket gebucht - explizit ein "Tandem-Ticket", im Reisezentrum nach intensiver Beratung und Besprechung der Ausmaße des zu transportierenden Rades, und so schien auch der Mitnahme der eigenen Transporträder nichts im Wege zu stehen. Aber Moment: die breitesten Türen der Bahn öffnen sich 90cm - damit ist das Bellabike raus.

Das Urban Arrow würde mühelos durch eine 90cm Breite Tür schlüpfen. Dennoch entschieden wir uns dagegen, da es zu lang ist, um in die Fahrstühle zum Bahnsteig zu passen, über 50 Kilogramm wiegt und somit nicht "mal eben" die Treppen hoch getragen werden kann, und vor den Rolltreppen diese Pfosten stehen, die verhindern sollen, dass man Gepäckwagen mit auf die Rolltreppen nimmt, durch die ein Lastenrad dann aber auch nicht durch passt.

Stattdessen nahmen wir das Hollandrad meiner Frau mit, und das zu Recht, denn siehe: dies ist Stellplatz für ein Tandem im Fahrradabteil der Deutschen Bahn. Applaus:

Tandem-Stellplatz. Im Ernst. Wie genau hatten die sich das vorgestellt? Kein Zugbegleiter konnte es beantworten.

Nun könnte man sagen: dann hängt man das Tandem oder Lastenrad eben nicht in den (felgenbrechenden) Wandständer, sondern stellt es einfach so in den Waggon. Ich sage: zu viele Unwägbarkeiten. Ich traue so manchem Zugchef zu, dass er mich mit dem Rad rausschmeißen würde, wo ich dann weinend zurückbliebe, während die Familie in den Urlaub davon rauscht.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich kein Rad dieser Länge jemals in diesen Waggon bekommen hätte. Es war nämlich nicht das Fahrradabteil im Steuerwagen, jenes ausladende, durch breite Türen erreichbare Großraumabteil in Wagen drei, sondern ein weiteres Abteil in Wagen 4, wo das Fahrrad durch eine normale Tür und dann um die Ecke an der Toilette vorbei durch eine weitere, noch schmalere Tür geschoben werden musste. Spätestens die zweite Tür wäre für das Urban Arrow gefährlich schmal gewesen, aber das ist kein Problem, da ich niemals um die Ecke gekommen wäre auf dem beengten Raume.

So viel also zur Unmöglichkeit, ein Lastenrad mitzunehmen, wenn man bei der Bahn explizit einen Tandem-Stellplatz bucht und tatsächlich der richtige Zug mit den richtigen Wagen kommt. Was, wie wir alle wissen, nicht immer passiert.

Wie auf unserer Rückfahrt, als mit nur 45 Minuten Verspätung ein Ersatz-IC für den fehlenden Intercity 2311 eintraf, dessen Wagenreihung komplett verändert war und dessen Wagen 3, in dem für die Rückfahrt mein Fahrradstellplatz reserviert war, natürlich fehlte.

Die Anzeige am Hamburger Hauptbahnhof behauptete, das Fahrradabteil im Ersatzzug sei in Abschnitt B - das war am Ende des Zuges und somit schlüssig. Weit gefehlt: hier sehen Sie das Fahrradabteil des Ersatzzuges:

Die einen nennen es Fahrradabteil, die anderen nennen es Flur

Nachdem ich das Fahrrad dort abgestellt hatte, musste ich mich aus Wagen 4 in Wagen 10 durchkämpfen, in dem meine Familie zwar nicht das reservierte Kleinkindabteil, aber immerhin einige verteilte Plätze in einem alten Interregio-Waggon gefunden hatte, für den ein Techniker an Bord des Zuges war, um die Heizung einzustellen, was ihm nicht gelang.

Der Zugchef rechnete mir später vor, dass ihm rund 200 Sitzplätze im Vergleich zum Regelzug fehlten und sämtliche Reservierungen erloschen waren. Entsprechend war ich in Hamburg-Harburg bis Wagen 6 gekommen und spurtete die restliche Strecke bis zu Wagen 10 kurz über den Bahnsteig.

Fazit: es ist nicht möglich, ein Lastenrad in der Deutschen Bahn mitzunehmen. Leider wahr.

For further reading: "Cargobikes and railway: a gamble?" (eradhafen.de)

Kommentare:

  1. Jan - da dies auch bei den Helvetiern der Fall ist (da sind Cargobikes gar explizit verboten im Bahnwagen) gibt es immer die Möglichkeit für sehr moderates Geld das Cargobike als "Gepäckstück" aufzugeben. Das funktioniert von Bhf zu Bhf immer. Und hat schon zu vielen wahrhaft schönen Gesprächen mit verdutztem Zugpersonal geführt. Ist das in DE vuelleicht auch 'ne Masche?

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    1. Noch nie davon gehört. Gepäckwagen an Zügen gibt's ja sowieso nicht mehr... Das läuft vermutlich über DB Schenker. Die waren damals für die Lieferung meines Beixo verantwortlich. Kam kaputt hier an mit Fußspuren auf dem Karton. (Die kannten wohl noch nicht den Trick von Van Moof)

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  2. Vielleicht lohnt es sich, da mal einen Blick hinein zu werfen (?):

    https://www.bahn.de/p/view/service/fahrrad/rad_kuriergepaeck.shtml

    https://www.test.de/Fahrrad-auf-Reisen-So-kommt-Ihr-Rad-ans-Ziel-4849611-4849617/

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  3. Deutsche Bahn: Wenn der Sitzplatz doppelt reserviert ist | ZEIT ONLINE
    http://www.zeit.de/mobilitaet/2016-10/deutsche-bahn-ice-reservierung-sitzplatz

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  4. Hm. Irgendwie schreit das nach einer Mischung aus Lastenrad und Faltrad, oder?

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